„Ooh, ist das Luna?“, höre ich mich fragen. Allerdings erwarte ich keine Antwort, denn diese Frage murmel ich nur ganz leise vor mich hin, eigentlich nicht zu hören für die junge Frau bzw Mädchen, die an mir vorbeigeht. Ich blicke der großen dunkelbraunen Fuchsstute hinterher, die an der Stallgasse an mir vorbeigeführt wird und laufe dann weiter. Meine Hunde wuseln aufgeregt an der Leine und inspizieren gründlich jeden Millimeter des Bodens. Verständlich, hier riecht es auch einfach wahnsinnig aufregend.

Es ist Ende Dezember vergangenen Jahres, ein eiskalter Wintertag, an dem ich das erste Mal den Paddenhof in Hönow-Hoppegarten besichtige, auf den ich gute vier Wochen später mit meinen beiden Pferden hinziehen würde. Ein neues Kapitel, welches ich beabsichtigte aufzuschlagen, ein Neuanfang, den ich so dringend brauchte. Aber an dem Tag war ich offengestanden viel zu beschäftigt mit all den neuen Eindrücken, dass mir noch nicht klar war, wie sehr sich mein Leben (und das meiner Pferde) mit dieser Entscheidung verändern würde.

Ich laufe mit meinen beiden Freundinnen, die mich an dem Tag begleiten, aus dem Hof raus, an den Paddocks vorbei, Richtung Feld. Kira und Tasha toben begeistert los, während wir langsam hinterherschlendern, etwas die Umgebung erkunden (ein langer Spaziergang war es nicht, dafür war der schneidende Wind auf dem offenen Feld viel zu kalt, bis heute erinnere ich mich, wie mir die Augen tränten) und auf dem Rückweg bei den Paddocks stehenbleiben und die Pferde beobachten, die sich um die große Heuraufe drängen.
Langsam treten wir den Heimweg Richtung Parkplatz an und laufen dabei nochmal über den Hof. 

An dem Tag sind nur wenige Leute da, mit denen ich ins Gespräch kommen kann, aber ehrlichgesagt auch kein Problem für mich. Die wichtigsten organisatorischen Dinge für den Umzug sind schon im Vorfeld geklärt, der Pferdetransporttermin steht ebenfalls, nun heisst es also eigentlich nur noch abwarten und den Dingen ihren Lauf lassen.

Mein heimlicher Wunsch an dem Tag war jedoch ein komplett anderer.

Denn ich wollte Luna kennenlernen. Zusammen mit ihrer 18jährigen Besitzerin Antonia bzw. Tony, wie sie von den anderen liebevoll genannt wird. 

Tony mit Luna, drei Tage nach dem Kauf | Mai 2020 Foto: privat

 

Bisher kannte ich nur Bruchteile ihrer Geschichte über Tonys Instagram Profil – zu dem Zeitpunkt nur ein paar Fotos, kurze Beschreibungen, die aber völlig ausreichten, um mich neugierig zu machen. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein Profil wie das der meisten unzähligen „Pferdemädchen“ bei Insta & Co.

Aber eben auch nur auf den ersten Blick.

Denn Luna, zu dem Zeitpunkt eine knapp 22jährige Trabermix Stute, war erst seit relativ kurzer Zeit im Besitz von Tony. Das Kennenlernen der beiden war (wie in den meisten Fällen) weder geplant noch gewollt. Tony erzählte mir später, wie sie Luna fand. Und zeigte mir Fotos, die mich bis heute erschüttern. 

Und sie beschrieb, wie sie auf einem Pferdehof Nähe Berlin, den sie zusammen mit ihrer Mutter besichtigte, um ein bereits zugesagtes Pferd zu kaufen, den Anblick einer alten und klapperdürren Stute, die allein abgestellt auf einem winzig kleinem Unterstand ihr Dasein fristete, nicht mehr aus ihrem Kopf bekam.

Wie sie dann am nächsten Tag wieder hinfuhr, um diesem Pferd Gesellschaft zu leisten. Und wie ihr in dem Moment schon klar war, dass sie den Hof ohne dieses Pferd nicht mehr verlassen würde. Denn Luna sollte zwei Tage später in die Tierklinik, als Versuchsobjekt für Studenten. Dass dieses Pferd diese Klinik nicht lebend verlassen würde, sprach zwar keiner aus, aber es war mehr als klar.

Man bot Tony dieses Pferd also an – wahrscheinlich würde dieser letzte Verkauf dem damaligen Besitzer doch mehr Geld einbringen als die Tierklinik oder gar die Kosten für den Abdecker – und Tony sagte ohne mit der Wimper zu zucken ja.

Und was für ein großes JA sie da sagte.

Luna, 2020

Das erste Foto von Luna, am Tag des Kaufes | Mai 2020 Foto: privat

Und so fand Luna endlich ein echtes Zuhause. Nach Jahren des ewigen Besitzerwechsels, zahlreichen Turnieren, später dann als Schulpferd, schlussendlich aussortiert (zu alt, zu zickig, nicht mehr reitbar) – eben genau die üblichen Gründe in der Nutztier/Pferdereitsportszene, in der Pferde lediglich als Leistungs-Kostenfaktor gerechnet werden. 

Luna fing an sich zu wehren, biss andere Pferde und Menschen, die sie als nicht reitbar, als zu launisch, anstrengend und nicht handelbar einstuften, die sie schlugen, sie für ihr Wesen bestraften, für ihr angeborenes Recht, ein artgerechtes Leben zu führen (zumindest das, was wir heute als artgerecht für Pferde ansehen – ein sehr strittiges Thema).

Wieviele Besitzer im Vorfeld Luna hatte, ist nicht ganz klar. Ich kann und möchte an dieser Stelle nichts weiter Konkretes über das Vorleben von Luna schreiben – da ich nicht alle Fakten weiss – aber darum geht es mir auch gar nicht.

Mir geht es hier eher um dieses stille und auf den ersten Blick unnahbar wirkende Mädchen mit ihrer, nun ja, nicht ganz so einfachen Stute, die bei vor allem von den Angestellten am Hof liebevoll gerne als „Zicke“ oder „Teufelchen“ bezeichnet wurde (Luna war bis zum Schluss nicht wirklich kompatibel mit anderen Pferden, eine ihrer vielen Spezialitäten) – Luna und Tony, ein stehender Begriff für uns Eingeweihte, ein Dreamteam, komplett aufeinander eingespielt, so voller Liebe füreinander, die man förmlich spüren konnte. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich versuche herauszufinden, wie ich in dem Alter war – keine Ahnung. 

Ich war alles mögliche mit 18 – vor allem ziemlich durch den Wind – sehr wahrscheinlich genau so pferdeverrückt und fanatisch wie Tony, aber nicht im Ansatz so reflektiert und klar strukturiert.

Mädchen (oder junge Frauen??) wie Tony reden generell nicht viel, vor allem wenig über andere, aber strahlen eine Ruhe und Sicherheit aus, die man sonst selten in diesem Alter findet. Ihr extrem souveräner Umgang sowie ihr Wissen und Einschätzungsvermögen in Bezug auf Pferde beeindruckte mich von Anfang an. Tony hat eine unaufgeregt wohltuende Art, die einen, wenn man Menschen wie sie näher kennenlernt, sehr berührt und nicht mehr so schnell loslässt. Zumindest war dies bei mir der Fall.

Woher das kommt? Vielleicht daher, wenn man Tag und Nacht mit einem Pferd verbringt, welche einen körperlich und psychisch vor extreme Herausforderungen stellt? Wenn man nachts schlaflos daliegt und tierärztliche Diagnosen wälzt,  obwohl der Wecker zum Früh- & Nachtschicht gnadenlos klingelt und man nach der Arbeit sofort zum Stall weiterfährt? Vielleicht daher? Ich weiß es nicht.

Was ich nur weiß, ist, dass Tony buchstäblich alles für ihr Pferd gab. Jede freie Minute neben ihrer Ausbildung, jeden angesparten Cent opferte sie für ihr Herz, ihre Luna. Jeden Tag, egal ob Winter oder Sommer, nass oder kalt oder heiss und extrem trocken – Tony war immer da.

Foto: (c) Sylvia Eulitz Photography | 14.08.2022

Und ihr „Traumpony“ Luna blühte auf. Auch wenn nur für eine unfassbar kurze Zeit – knapp 16 Monate waren den beiden miteinander vergönnt. Von Anfang an war klar, dass sie unter chronischen Asthma leidet („equines Asthma“ | „COPD“, eine Diagnose, die bei domestizierten Pferden leider heutzutage weit verbreitet ist, nicht nur bei uns Menschen) eine Diagnose, die eine kontinuierliche und sorgfältige Überwachung und Behandlung erfordert. 

Und spätestens hier geben die meisten auf. Zuviel Belastung, zu teuer, zu anstrengend. Ein Pferd, was man nicht mehr reiten kann? Was jeden Tag inhaliert werden muss? Wozu dann noch behalten? So extrem es klingt, so real sind diese Sätze, die ich selber nur zu gut kenne.

Aber so ticken wir Menschen in der Regel. Entspricht ein Tier  nicht unseren – woher auch immer geprägten Vorstellungen – wird es uns zuviel und wir geben auf. Oder geben es weg. Wie einen Teppich, den wir nicht mehr gebrauchen können.

Next Order please.

Das Pferde (wie auch Hunde und Katzen, aber ich beziehe mich jetzt vor allem auf Pferde) heutzutage ihre Besitzer wie warme Semmeln wechseln und nicht selten ein Wanderpokalleben führen, ist leider traurige Realität geworden. Ich könnte jetzt eine endlos lange Liste von Beispielen aufzählen, die ich in den letzten drei Jahren, seit ich selber „Problem“- pferde besitze, beobachtet habe, aber ich lasse es lieber an dieser Stelle.

Natürlich ist es viel, was da von uns abverlangt wird, ohne Frage. Sich tagtäglich selbst zu hinterfragen, seine eigenen Grenzen anzunehmen und sich damit so einem überwältigendem Wesen wie einem Pferd zu öffnen, welches dich klar liest und erkennt. Wann und wo machen wir Menschen in unserer leistungs- & erfolgsorientierten Gesellschaft denn schon noch diese Erfahrung? Wann oder wo wird es uns beigebracht bzw tatsächlich vorgelebt, dass es völlig ok ist, mal nicht irgendwelchen Rastern zu entsprechen, sondern sich komplett auf neue, eigenen und nur auf diesem Wege individuellen Lösungen einzulassen, die uns wirklich entsprechen und uns weiterbringen, uns sprichwörtlich atmen lassen? Wo?

Aber jede Minute, die wir unseren Tieren und somit uns selbst widmen, ist es wert. Jeder Augenblick, der uns geschenkt wird, ist es wert. Einem Pferd wie Luna war es von Anfang an ehrlichgesagt völlig schnuppe, welche schicke neue Schabracke oder Halfter du kaufst, ob du geschminkt bist oder mit völlig ungewaschenen Haaren und Gammellook am Hof auftauchst. 

Hauptsache, du bist da. 

Foto: (c) Sylvia Eulitz Photography | 14.08.2022

Ein krankes Pferd wie Luna zu versorgen, ist eine extreme Beanspruchung, die bis hin zu körperlich und emotional spürbaren Erschöpfung führen kann. Glaubt mir, ich weiss, wovon ich rede. Und ab dem Moment, wo ich Tony kennenlernte, war mir klar, dass es bei ihr genau so war. Und dass sie diese Herausforderung ohne Wenn und Aber angenommen hat. Menschen wie Tony überzeugen eben nicht nur über ihr Insta Profil, über Storys oder inszenierte Beiträge, Mädels wie sie überzeugen über ihre Taten.

Anfang August bat mich Tony um ein gemeinsames Fotoshoot mit ihrer Luna. Möglichst authentisch, wenig gestellt, einfach sie zusammen mit ihrem Pferd. Offengestanden genau mein Ding – und ich hatte schon lange den Wunsch, die beiden mit der Kamera zu begleiten, ich sagte also hocherfreut zu.

Wir entschieden, mit den Aufnahmen nicht mehr lange zu warten, denn erst da erfuhr ich, wie akut der Zustand von Luna war. Ihre letzte Kortison Behandlung schlug nicht mehr an. Wir vereinbarten einen Termin und mir war klar, das es sehr wahrscheinlich das einzige Shoot werden würde. „Hey, ich hatte noch nie so ein Fotoshoot, bin echt gespannt, wie das bei dir so ablaufen wird …telefonieren wir heute Abend mal…?“ Tony und ich waren voller Motivation und Vorfreude.

Doch dazu sollte es leider nicht mehr kommen, leider.

Foto: (c) Melanie Gelhard | 14.08.2022

An dem zweiten Sonntag im August bekam ich die Nachricht einer Einstellerkollegin mit der dringenden Bitte, so schnell möglich mit der Kamera zum Hof zu kommen, da abends der Tierarzt  für Luna zum Einschläfern bestellt war.

Ich weiss noch, mit was für einem unbeschreiblichen Gefühl ich mit dem Auto von Zeuthen aus nach Hönow raste, nur kurz an der Tanke anhielt, um für die letzten fünfundzwanzig Euro, die ich noch dabeihatte, etwas preiswerten Diesel in mein Auto zu jagen und spontan einen Strauss weisser Rosen einpackte.

Den Umweg nach Hause, um die große Kamera zu holen, traute ich mich nicht mehr.

Daher waren es später also „nur“ simple Fotos mit der Handykamera. Aber in dem Moment völlig unwichtig.

Tony wirkte noch ernster also sonst an ihrem letzten gemeinsamen Tag mit Luna. Und aufrichtig dankbar, dass wir da waren. Ich drückte ihr meinen Strauss Rosen in die Hand, wir umarmten uns und Tony kamen die Tränen. Natürlich war ich nicht die einzige, die Nachricht verbreitete sich wie ein stilles Lauffeuer, obwohl es Tony eigentlich mehr unter dem Radar haben wollte. Denn das letzte, was sie sich wünschte, war zuviel Trubel um ihre Person und ihr Pferd.

Rückblickend war mir klar, dass dies auch so typisch anziehend an ihr ist. Tony macht eben einfach ihr Ding – und es ist gut so.

Wir gingen also das letzte Mal aufs Feld, eine kleine Gruppe von Menschen und Pferden, um Fotos zu machen.

Und um 18 Uhr kam der Tierarzt, pünktlich auf die Minute. 

Sein zweiter Einschläferungstermin an diesem Tag. Er kam von der Rennbahn Hoppegarten, wo ein Rennpferd sturzbedingt erlöst wurde.

Wieviel kann man eigentlich ertragen?

Foto: (c) Melanie Gelhard | 14.08.2022

Ich schaute auf Tony und Luna, die still da standen und unentwegt den wunderbar emphatisch wirkenden Tierarzt beobachteten, der mit ruhigen Bewegungen im Fond seines Autos hantierte, die Spritze bereitlegte und dabei erklärte, was nun passieren würde.

Und dann zog ich mich zurück, denn die letzten Minuten wollte Tony alleine sein. Eine Freundin begleitete sie noch – ich hingegen lief zu meinem Andvari und dann weiter nach vorne zu unseren Stutenpaddock und drückte mich fest an meine Fina, die anders also sonst nicht sofort zu mir kam, sondern zusammen mit den anderen Pferden unverwandt in EINE Richtung blickte. 

Später stellte sich übrigens heraus, dass ALLE Pferde vom Hof genau zu diesem Zeitpunkt zu dem Ort hin witterten, an dem reglos der Pferdekörper lag, unter einer Decke verhüllt und mit weissen Rosen beschmückt. Ihr letztes Abschnauben galt einer Welt, die nicht für Pferde wie Luna geschaffen ist und für Menschen wie Tony, die es geleistet hat, diesem Pferd trotz aller Widrigkeiten zwei letzte würdevolle Jahre zu geben.

Mädchen wie Tony sind in meinen Augen echte und wahrhaftige  „Pferdemädchen“.

Mädchen mit einer stillen Kraft, Ehrlichkeit und inneren Stärke, vor der ich mich aus tiefstem Herzen verneige.

Ein Leben lang.

RUN FREE LUNA.  ♥ 01.01.2001 – 14.08.2022 ♥

 

„DIESE LIEBE“ – TONY & LUNA AUF INSTAGRAM

 

Foto: (c) Sylvia Eulitz Photography | 14.08.2022